Was könnte passieren, wenn 2027 viele PV-Anlagen bei Minuspreisen gleichzeitig abregeln?
Ab 2027 gibt es für eingespeisten Solarstrom den Day-Ahead-Preis – auch wenn er negativ ist. Dann zahlt man fürs Einspeisen. Was bedeutet es fürs Netz, wenn viele PV-Besitzer in solchen Stunden abregeln? Und wie wahrscheinlich ist das überhaupt? Und wie lange wird es gehen bis die day ahead Preise diese Abregelung einkalkulieren, was dazu führen würde, dass sie nicht abregeln ! und wie würden Pumpspeicherkraftwerke gefüllt werden ? oder kann im Endeffekt der Europäische Markt das ganze ausgleichen, da die day ahead Regel aktuell wohl nur in der CH greift?
Wie wahrscheinlich ist das?
Bei grossen Anlagen ohne Eigenverbrauch: relativ gross. Bei Anlagen 30 - 150kWp ist die Mindestvergütungsprämie unterschiedlich, also von 6Rp/kWh abwärts. Ab 150 kW gibt es keine Minimalvergütung mehr, jede Minus-Kilowattstunde kostet voll. Hier werden die unterschiedlich hohen HKN Vergütungen wie eine Treppe wirken, wer einen hohen HKN bekommt regelt später runter als jemand der gar kein HKN erhält.
Bei kleinen Anlagen: 2027 eher nicht. Viele wissen gar nicht, dass sich etwas ändert. Man kann davon ausgehen, dass viele es erst mit der Q2-Rechnung merken. Und wer es weiss, hat wegen der Differenz oft keinen Grund dazu: Abregeln lohnt sich erst deutlich unter null (mehr dazu unten), die HKN Vergütung würde auch hier wieder unterschiedliche Abregelungen auslösen.
Die Grössenordnung
*Ende 2025: 9.5 GW (BFE), dazu rund 1.5 GW Zubau 2026 gemäss Swissolar-Prognose – KI Hochrechnung. Regelreserve Schweiz: Primär-, Sekundär- und Tertiärreserve zusammen (ElCom).
Das ganze kontinentaleuropäische Netz hält mindestens 3 GW Primärreserve bereit. Ausgelegt ist das auf den schlimmsten Fall, mit dem man rechnet: zwei grosse AKW-Blöcke à 1.5 GW, die gleichzeitig ausfallen. Die Schweiz trägt davon 67 MW bei, insgesamt hält Swissgrid rund 0.95 GW positive Regelleistung vor.
3 GW sind gut ein Viertel der Schweizer PV-Leistung. Fällt diese Menge auf einen Schlag weg, ist das so viel, wie Europa für den grössten Störfall vorsieht. Allerdings: Ein Kraftwerk fällt in Sekunden aus, Abregeln nach Börsenpreis passiert zu bekannten Zeitpunkten.
Teuer wird nicht das Abschalten, sondern die Überraschung
Weiss die Bilanzgruppe, dass ihre Anlagen bei Minuspreisen abregeln, steht das im Fahrplan und es fehlt nichts. Teuer wird es, wenn niemand weiss, wer abregelt und wer nicht. Dann muss intraday zugekauft werden, und was übrig bleibt, regelt Swissgrid mit Regelenergie aus. Schon heute führen ungenaue PV-Prognosen zu Abweichungen von den Fahrplänen – das schreiben Swissgrid und ElCom selbst. Der VESE warnt zudem vor Erzeugungssprüngen, wenn Algorithmen grosse Leistungen gleichzeitig abschalten.
2027 wird ein Lernjahr
Was die Prognostiker im Mai lernen, stimmt im Juli schon nicht mehr. Erst wenn das Abregeln berechenbar ist, können die Bilanzgruppen es im Day-Ahead einpreisen – dann schrumpft das Problem. Bis dahin zahlen die Lernkosten am Ende alle Stromkunden.
Ab wann lohnt sich Abregeln bei meiner Anlage?
Weil die Differenz auch in Negativstunden ausbezahlt wird, lohnt sich Abregeln erst ab xy RP unter null. Mit den Q2-2026-Werten gerechnet läge meine Schwelle bei etwa −3.6 Rp/kWh. Am 20. Juni 2026 lag der tiefste Preis bei −0.12 Rp – Abregeln hätte Geld gekostet. Am 13. Juni 2026 um 13 Uhr waren es −10.7 Rp, da hätte es sich gelohnt. Im Mai gab es 62 Stunden mit negativem Preis, im Juni 33.
Der Haken: Die Differenz kennt man erst nach dem Quartal. Wer bei jedem Minuspreis abschaltet, verschenkt also womöglich Geld.
Wie schnell das passiert, habe ich selbst gesehen: Am Sonntag, 27. September 2026, hat mein Solarmanager bei −0.5 Rp/kWh abgeregelt. Den HKN-Zuschlag von 1.5 Rp/kWh hatte ich dort nicht hinterlegt – mit HKN wäre der Preis im Plus geblieben.
Solarmanager am 27.09.2026: Abregelung bei −0.5 Rp/kWh.
Fazit
Abregeln werden 2027 vor allem die Grossen – die Kleinen erst, wenn sie es merken, und dann vermutlich zu oft.Das Problem ist weniger die Menge als die Unberechenbarkeit. Und bis der Markt gelernt hat, wie Tausende Kleinproduzenten reagieren, gelten vielleicht schon wieder andere Regeln – das Quartalsmodell hielt gerade ein Jahr. Was recht sicher ist, es könnte spannend werden.
Quellen: Energy-Charts (Day-Ahead CH, umgerechnet mit EUR/CHF 0.94) · ENTSO-E Primärreserve · BFE Solarstatistik 2025 · ElCom Regelleistung · ElCom Regelenergie 2025 · Swissgrid PV4Balancing · VESE · Swissolar FAQ · Axpo

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