6 Rp/kWh – wie lange noch? aktualisierte Version
Was PV-Produzenten über die neue Einspeisevergütung, negative Börsenpreise wissen sollten.
Wer in der Schweiz eine PV-Anlage unter 30 kWp betreibt, bekommt seit 2026 mindestens 6 Rp/kWh für eingespeisten Strom.
Was an der Strombörse gerade passiert
Am Sonntag, 26. April 2026 war der Intraday-Spotmarktpreis für Schweizer Strom um 14:00 Uhr auf -488 €/MWh gefallen. Negativ. Das bedeutet: Wer in diesem Moment Strom ins Netz lieferte, musste dafür bezahlen.
Das war kein Ausreisser. In der ganzen Woche 17 (20.–26. April 2026) lagen die Preise mehrfach nahe null oder darunter – immer dann wenn die Sonne schien und der Verbrauch tief war. Das ist strukturell, nicht zufällig.
Was das mit meiner Vergütung zu tun hat
Heute noch nichts. Ich bekomme meine 6 Rp/kWh unabhängig davon was an der Börse passiert. Das EW ist gesetzlich verpflichtet meinen Strom abzunehmen – freiwillig würden sie das bei negativen Preisen wohl kaum tun.
Wie gross das Problem wirklich ist: Zahlen aus dem Swissgrid White Paper
Im März 2026 hat Swissgrid ein White Paper zur «Systemverträglichen Integration Photovoltaik» veröffentlicht. Die Zahlen darin zeigen, warum der Druck auf die Einspeisevergütung kein vorübergehendes Problem ist.
Die Schweiz hat heute rund 9 GW installiert – das entspricht bereits der sommerlichen Nachfragespitze. Das Ziel für 2050 liegt bei 37–40 GW. Swissgrid schreibt explizit: Mit den heutigen Prozessen und Rahmenbedingungen ist eine Integration von bis zu 40 GW kaum vorstellbar.
Die Entwicklung: woher wir kommen
Das bedeutet: Wer in einem Quartal viel zu negativen Preisen einspeist und abends zu hohen Preisen, bekommt am Ende trotzdem nur die Mindestvergütung – sofern der Quartalsdurchschnitt darunter liegt. Gezieltes Abend-Einspeisen lohnt sich also nur in Quartalen, in denen die Marktpreise sowieso über 6 Rp liegen – typisch Q1 und Q4. In Q2/Q3 egalisiert der Ausgleich den Vorteil.
Wichtig: Die genaue Ausgestaltung ist zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht offiziell publiziert. Diese Interpretation basiert auf der EnV-Änderung vom Mai 2026 und der BKW-Medienmitteilung vom 28. Mai 2026.
Was netzdienliches Verhalten ab 2027 bringt
Wer einen Heimspeicher hat und ihn clever steuert, kann ab 2027 vom neuen System profitieren – aber nur in den richtigen Quartalen. Mittags mit PV-Überschuss laden, abends einspeisen wenn der Preis hoch ist: Das ist gut für das Netz. In April/Mai* 2026 waren es 19–21 Uhr durchschnittlich 12–15 Rp. In Q2/Q3 greift jedoch der Quartalsausgleich und egalisiert den Vorteil, sofern der Quartalsdurchschnitt unter 6 Rp liegt. Wirklich lohnenswert ist die Strategie in Q1 und Q4 – dort liegen die Marktpreise sowieso über 6 Rp und jede gut getimte Einspeisstunde zählt voll.
April: Ø 12.8 Rp – 6 Rp = +6.8 Rp × 6 kWh × 30 Tage = CHF 12
Mai: Ø 14.5 Rp – 6 Rp = +8.5 Rp × 6 kWh × 31 Tage = CHF 16
Total April+Mai: CHF 28 – sofern das Energiemanagementsystem das automatisch steuert. Liegt der Quartalsdurchschnitt unter 6 Rp, greift der Ausgleich und der Vorteil entfällt.
*historische Werte – durch den Irankrieg sind die Gaspreise höher, was gemäss Merit-Order-Prinzip die Strompreise treiben kann.
In meinem Blog über netzdienliches Laden beschreibe ich wie ich das mit meinen zwei Speichersystemen versuche umzusetzen: Ladeleistung drosseln, Mittagsüberschuss puffern, Kapazität für Spitzen freihalten.
Was Swissgrid mit deinem Netzanschluss vorhat
Ein Detail aus dem White Paper: Swissgrid schlägt vor, dass Netzbetreiber den Netzanschluss einer PV-Anlage auf deutlich unter 100% der installierten Leistung begrenzen dürfen – gegen Entschädigung, aber dauerhaft.
Heute gilt bereits: 70% der DC-Leistung als Begrenzung ist erlaubt (ohne Entschädigung, bis 3% Jahresenergie). Swissgrid will das weiter ausdehnen. Ihr Argument:
Eine Reduktion auf 50% führt zu nur 15% weniger eingespeister Jahresenergie.
Wer also 50% der Leistungsspitzen nicht ins Netz einspeisen kann, verliert übers Jahr gesehen nur 15% der Energie – weil die Spitzen selten und kurz sind. Der Rest wird selbst verbraucht oder gespeichert.
Das klingt fair. Aber der Haken ist derselbe wie überall: Die Entschädigung richtet sich nach «entgangenen Erlösen» – und die sinken, je tiefer der Marktpreis fällt.
Das neue Wort, das man kennen sollte: LEMS
Swissgrid, Netzbetreiber und die PV-Branche sind sich einig, dass ein einfaches Energiemanagementsystem (EMS) in Zukunft nicht mehr reicht. Das neue Ziel heisst LEMS – Leistungs- und Energiemanagementsystem.
Der Unterschied: Ein EMS optimiert wieviel Energie wann fliesst. Ein LEMS optimiert zusätzlich die Leistungsspitzen – also wie stark die Einspeisung zu einem bestimmten Moment ist. Das ist für den Netzbetreiber viel wichtiger als die Energiemenge.
Flexibilität als künftige Erlösquelle – aber für wen?
Das White Paper beschreibt vier mögliche Erlösquellen für eine PV-Anlage der Zukunft, in dieser Reihenfolge der wirtschaftlichen Bedeutung:
| Priorität | Erlösquelle | Erklärung |
|---|---|---|
| 1 | Eigenverbrauch | Netzentgelte sparen – bleibt die wichtigste Quelle |
| 2 | Flexibilitätsvermarktung | Speicher steuern, Netz stabilisieren – gegen Vergütung |
| 3 | Marktorientierte Einspeisung | Überschuss verkaufen – zu Börsenpreisen |
| 4 | Förderung / Mindestrendite | Staatliche Absicherung – zeitlich begrenzt |
Für kleine Anlagen wird das schwierig. Die Realität ist: Flexibilität am Markt vermarkten erfordert Aggregatoren, Plattformen, Standardschnittstellen – alles Dinge, die heute noch fehlen oder im Aufbau sind, und jeder will dann daran verdienen. Wer heute eine 18-kWp-Anlage mit Speicher betreibt, kann seine Flexibilität noch nirgendwo direkt verkaufen.
Die Frage was in Zukunft gilt
Das eigentliche Problem ist kein technisches. Es ist ein politisches.
Die Energieversorger haben eine starke Lobby – der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) hat erfolgreich für marktbasierte Vergütungen lobbyiert, und das Parlament hat mitgemacht. Die Richtung ist klar: Die Vergütung soll sich immer stärker am Markt orientieren – und der Mindestpreis von 6 Rp ist zeitlich nicht unbegrenzt garantiert.
PV-Kleinproduzenten sind politisch kaum organisiert. Viele interessiert es schlicht nicht – die Anlage läuft, die Vergütung kommt, und solange es irgendwas gibt ist es gut.
Selbst nachschauen
Wer die aktuellen Börsenpreise selbst verfolgen möchte:
- Swiss Energy-Charts (Fraunhofer) – Übersichtliche Darstellung der Schweizer Börsenpreise nach Woche
- EPEX Spot – Der eigentliche Börsenhandel, stündliche Preise für die Schweiz
- Swissgrid White Paper «Systemverträgliche Integration Photovoltaik» – März 2026, kostenlos verfügbar
Was ich davon halte
Ab 2027 entsteht erstmals ein echter finanzieller Anreiz für netzdienliches Verhalten – zumindest in Quartalen mit hohen Marktpreisen. Das ist die richtige Richtung. Aber die meisten PV-Besitzer interessiert das schlicht nicht – Hauptsache die Anlage läuft und irgendwas kommt rein.
Das Swissgrid White Paper ist dabei kein Angriff auf PV-Produzenten – es ist eine technisch nüchterne Analyse. Aber die Richtung ist klar: Wer keine steuerbare, flexible Anlage hat, wird in einem marktorientierten System immer weniger wert sein. Die Einspeisung von Leistungsspitzen ins Netz wird aktiv unerwünscht. Und wer keinen Vermarkter hat, hat keinen Abnehmer.
Und wenn in ein paar Jahren der Mindestpreis fällt und man an einem sonnigen Sonntagnachmittag plötzlich draufzahlt weil man eingespeist hat – dann wird man sich fragen warum man sich nie darum gekümmert hat.
Quellen: EPEX Spot CH-IDA1, 26. April 2026 · Swissgrid White Paper «Systemverträgliche Integration Photovoltaik», März 2026 · BFE Statistik Sonnenenergie 2024 · Energy-Charts.info Spotmarktpreise April/Mai 2026 · BKW Medienmitteilung 28. Mai 2026
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